Materialkompetenz, Raumunabhängigkeit und schnelle Variabilität bestimmt das Möbeldesign der Zukunft – wir waren in Mailand und "filtern" für Euch die neuesten Trends und Ideenansätze.

Die Möbelwelt steht nicht still. Auch wenn der Blick auf den breiten Mainstream oft das Gegenteil vermuten lässt. Die Impulse für die mengenfähige Industrie kommen aber immer vom Rand, von jungen Designern, kreativen Studios und unangepassten Manufakturen, die den Zeitgeist verstehen und mutig, vielleicht auch ein bisschen verrückt, in die Zukunft blicken und dabei Konzepte zeigen, die nicht selten wegweisend sind – in jedem Fall jedoch immer viel Herzblut beinhalten und inspirieren.

Installation glow-grow vom Designstudio TAKT PROJECT aus Tokyo. Foto: Claudia Minari

Für uns vom TRENDFILTER ist die Mailänder Möbelmesse jährliche Pflicht und die Salone Satellite sowie die Fuori Salone in der Stadt sind die eigentliche hochspannende Kür, wo wir den Puls der Zeit spüren und unsere Trendprognosen der letzten Jahre überprüfen und Tendenzen spüren.

Wo die Designer aus aller Welt voller Erwartungen und Hoffnung mit leuchtenden Augen vor Ihrem Exponat stehen und für ihre Idee, Ihr Design brennen. Hier wird – zugegeben neben dem ein oder anderen irrwitzigen Höhenflug – zukunftsgerichteter Lifestyle in ersten Konzepten sichtbar.

Der neue Umgang mit Materialität

Auch in diesem Jahr haben wir festgestellt, dass Materialität weiterhin an Bedeutung gewinnt und gleichzeitig Materialeigenschaften herausgekitzelt werden und in den Designs bedeutungsvoll eine gestalterische Rolle übernehmen : Massives Holz zeigt seine 3D-Fähigheit mit Rissen, Ästen, Fräsungen, Lasertechnik oder enorm herausgearbeiteten Rundungen. Stahl und Metalle werden extrem dünn gearbeitet und zeigen, was sie tragen können bei maximaler Materialersparnis. Die Möbel stehen auf leichten, hohen Füßchen, sogar Polstermöbel, die- wie alle Möbel- insgesamt wieder kleiner und zierlicher werden. Glas bringt Elemente ebenfalls zum Schweben, versteckt smarte Funktionen oder fasziniert mit Lichteffekten über Struktur oder Print.

Bezaubernde Ausstellung von Dai Nippon Printing. Foto: Claudia Minari

Material macht das Möbel. Und dabei bleibt Nachhaltigkeit das zentrale Thema in der Materialbeschaffung. Herkunft – am besten mit Story – ist wichtig und Hölzer werden regional geschlagen und verarbeitet- natürlich aus vorbildlich bewirtschafteten Wäldern. Auch bei Steinen ist die Herkunft wichtig und gerade Marmor hat ja eine große, italienische Tradition. Aber wir sehen Natursteine und Keramik weltweit beliebt bei jungen Nachwuchsdesignern, deshalb bleibt es insgesamt ein wichtiges Thema. Marmor, Betonwerkstein (Terrazzo) und Keramik werden jetzt auch mit Terrakotta und Lehmtechniken ergänzt. Gerade die Lehmstruktur hat es Innenarchitekten wieder angetan und steht für ökologisches Wohnen. Auch Kork bleibt beliebt und ein spannendes Material mit Potential.

Revival traditioneller Formen und handwerklicher Techniken

Um heute nachhaltig zu gestalten, suchen die Designer nicht selten nach alten, traditionellen Formen und Techniken, und lassen diese in neuen Designs aufleben, um auf ökologischer Basis neue Materialität zu schaffen. Ein Beispiel, das uns gut gefallen hat kommt aus der japanischen Manufaktur Buaisou aus Tokushima.

Die Designer tauchen Hocker in ein Indigo-Bad. Das pflanzliche Färbeverfahren wird in Japan normalerweise ausschließlich für Textilien angewendet, gibt dem Holz eine intensive, lebendige Farbe mit viel Schattierung und Tiefe. Die Anmutung ist sehr matt und zeitgemäß.

Auch traditionelle Muster, Handwerkstechniken und Dekore haben Hochkonjunktur. Freifrau entzückt uns mit einem sehr edlem Sesselrücken mit Dschungel-und Tiermotiven, die asiatisch anmuten. Sie setzen auf jeden Fall an dem Möbelstück ein überraschendes Statement und nicht nur hier taucht die Trendfarbe Blau im Möbeldesign und auch im Standbau auf.

Neben asiatischen Motiven, Tiermotiven, Insekten, Blüten und Blättern sind auch afrikanische Motive, deren traditionelle Muster und Flechttechniken ein neues Thema für das Interior. In Afrika wird das Flechten seit Jahrhunderten praktiziert und Gräser, Sisal, Hanf etc. sind neue Stars in der Einrichtung, machen diese leicht, luftig und naturnah mit handwerklicher Anmutung. Wir finden Geflochtenes nicht mehr nur in Körben, Möbeln und Teppichen sondern mittlerweile auch als Leuchten, Dekorationselementen, Paravents etc.

Studio Ryte zeigt Tische, die gleichzeitig Stauraum und Tablett sind. Foto: Studio Ryte

Das Revival traditioneller Formen und Techniken zeigt auch die facettenreiche Präsenz vom Wiener Geflecht beim Salone Satellite. Das Hamburger Studio Marfa hat damit ergonomisch-geschwungene Stühle geschaffen. In Kombination mit der flachen Sitzfläche entsteht so eine Referenz an Tradition und Moderne gleichermaßen. Und auch die Designer des Studio Ryte aus Hong Kong begeistern sich für das traditionelle Flechtwerk und zeigen mit hochflexiblen Couchtischen, wie die Zukunft der platzsparenden Einrichtung aussehen kann.

Kluge Reduktion trifft werkzeuglose Cleverness

Superschnell auf- und abgebaut: Stecksystem mit Verbindungen aus Marmor oder Kork.
Design: Olivier Vitry für Claisse Architecture.

Immer akuter werdende Raumknappheit bringt einen entsprechend hohen Anspruch an Flexibilität und Einsetzbarkeit auf Seiten der Konsumenten mit sich. Gefragt sind deshalb smarte, intelligente und kreative Lösungen, die Möbel multifunktional einsetzbar machen oder sie im Zweifelsfall schnell und einfach verschwinden lassen.

So und jetzt noch einmal zu einem meiner ganz persönlichen Highlights der Messe, genauer gesagt: der Fuori Salone. Ich durfte den Schweizer Schreiner Ramon Zangger und seine Werke kennen lernen Er hat seiner attraktiven, grifflosen Massivholz-Kommode ein optisches “Deckchen” verpasst, indem er mit Lasertechnik Stickmuster in das Holz auf Abdeckplatte und an Teilen der Seiten gebrannt hat. In der Front wiederholt sich das Muster als vertikale Banderole in der Griffnische. Hier verschmelzen schon jetzt Nachhaltigkeit und Hightech, wie es in den nächsten Jahren verstärkt zu sehen sein wird.

Hightech trifft Naturmaterial: Lasertechnik in massiver Kommode von Ramon Zangger.

Wir sehen also Multifunktionalität an kleinen Möbel, Naturmaterialien, Flexibilität und Individualität, viele Rundungen und Kreise, zarte Metallgestelle und handwerkliche Techniken, sowie traditionelle Formen und Muster in neuem Gewand. Mehr zur Möbelmesse folgt in Kürze und wer mehr zu Materialtrends hören will, der hat auf der interzum in Köln die Chance, bei meinem TRENDESPRESSO-Kurzvortrag. Ich hoffe, wir sehen uns.

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